Verzeihen als Befreiungsweg für seelische und körperliche Gesundheit



Da ist dieses Gefühl der unbändigen Wut und Enttäuschung, das sich in uns aufbäumt und wie ein Feuer ausbreitet. Vielleicht hat es jemand mit der Wahrheit nicht so genau genommen, unser Vertrauen verletzt oder unsere Grenzen nicht respektiert. Wir fühlen uns nicht gehört, nicht gesehen, sind traurig und verletzt.

Eigentlich wollen wir diese ganzen schmerzlichen Gefühle nicht fühlen, loslassen möchten wir sie aber auch nicht, denn da ist diese Stimme in uns, die sagt: „Das kann ich dir einfach nicht verzeihen!“


Verschiedene Studien belegen, verzeihen ist gut für Körper und Seele. Und obwohl wir das wissen, fällt es uns oftmals erstaunlich schwer, unseren Groll loszulassen, nicht mehr nachtragend zu sein und zu vergeben. Stattdessen klammern wir uns an unsere Wut und unsere Verletzungen und stehen so unserem Heilungsprozess im Weg.


Um vergeben zu können, müssen wir zunächst verstehen, was genau uns davon abhält. Manche tun sich zum Beispiel schwer zu verzeihen, weil sie das Gefühl haben, wenn sie vergeben, würden Sie das Verhalten des anderen gutheißen.


Verzeihen bedeutet jedoch nicht, dass wir das kränkende oder verletzende Verhalten eines anderen Menschen für gut befinden. Vielmehr ist Vergebung eine Befreiung aus der Opferrolle. Wir sind bereit uns, mit uns mit unseren eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und für diese Verantwortung zu übernehmen.


Herausforderungen beim Vergeben


Oftmals haben wir das Gefühl, erst vergeben zu können, wenn sich der andere entschuldigt hat, wenn er seinen Fehler eingesehen und alles wieder gut gemacht hat, aber das ist nicht immer der Fall.


Bildlich gesprochen ist das in etwa so, als hätte jemand in der Küche das Porzellan zerdeppert und wir warten darauf, dass er die Scherben beseitigt. Doch nicht jeder Mensch fühlt sich verantwortlich für sein verletzendes Verhalten. Während wir also weiterhin darauf warten, dass der andere die Scherben aufkehrt (was er nie tun wird), schneiden wir uns bei jedem Gang in die Küche erneut an den Splittern. Die Scherben aufzukehren, also zu verzeihen, tun wir also nicht primär für den anderen, sondern, damit wir uns nicht unaufhörlich weiter selbst verletzen.


Drei Schritte, die dir beim Verzeihen helfen können


1. Akzeptanz


Oftmals tun wir uns schwer, die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist. Wir leisten unbewusst Widerstand und wünschen uns, dass die Dinge anders wären. Vielleicht spüren wir tief im Inneren, dass, wenn wir das Geschehene akzeptieren würden, wir gezwungen wären zu handeln und das macht uns Angst. Vielleicht wissen wir, dass wir bessere Grenzen setzen müssten und damit bestehende Beziehungsmuster in Frage stellen. Das kann beängstigend und ein großer Schritt aus der Komfortzone sein.


Aber erst, wenn wir beginnen, die Situation so zu akzeptieren wie sie ist, können wir auch die nötigen Schritte unternehmen, um den Heilungsprozess einzuleiten.


2. Gefühle bewusst durchleben


Nimm dir Zeit für dich, um herauszufinden, was genau dich gekränkt hat. Welche Gefühle hat das in dir ausgelöst?


Du darfst wütend, traurig und verletzt sein, du darfst dich einsam fühlen, du darfst Platz machen für all deine Gefühle und sie zulassen. Hör auf, dich für das was du fühlst zu verurteilen, denn es gibt keine „richtigen“ oder „falschen“ Gefühle.


Es lohnt sich einen genaueren Blick darauf zu werfen, warum du fühlst, was du fühlst. Zum Beispiel halten wir manchmal unnötig lange an unserer Wut oder unserem Groll fest, weil wir Angst haben, uns mit dem darunterliegenden Schmerz zu beschäftigen.


Vielleicht stellen wir aber auch fest, dass während wir uns mit unseren Gefühlen auseinandersetzen, dass ein anderer uns nicht absichtlich verletzt hat, sondern unabsichtlich eine Verletzung aus der Vergangenheit getriggert hat, die gar nicht mit ihm im Zusammenhang steht.

Deshalb ist es auch immer wichtig, dich zu fragen, warum dich ein bestimmtes Verhalten so trifft und ob deine Reaktion angemessen war.

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist es deshalb, Gefühle zuzulassen und bewusst zu durchleben.


3. Mitgefühl und Verständnis Ein Perspektivwechsel kann Wunder wirken. Nimm dir einen Moment Zeit, dich in die andere Person hineinzuversetzen. Was ist seine Geschichte, warum hat er so gehandelt wie er gehandelt hat?


Ein solcher Perspektivwechsel kann die Türen für Mitgefühl und Verständnis öffnen und auch eine Chance sein, besser über Probleme zu kommunizieren.

Wenn wir uns in die Situation des anderen versetzen, kann das auch dabei helfen die Dinge weniger persönlich zu nehmen und stattdessen den anderen als eine Person wahrzunehmen, die genau wie man selbst, mit Herausforderungen und Problemen zu kämpfen hat.


Lerne dir selbst zu vergeben

Beim Vergeben geht es nicht immer nur darum, anderen zu vergeben, sondern auch uns selbst zu vergeben, uns selbst Gegenüber Mitgefühl zu empfinden.

Denn manchmal sind wir unbemerkt wütend auf uns selbst. Vielleicht sind wir wütend, dass wir es zugelassen haben, dass uns jemand anderes so behandelt hat. Vielleicht sind wir wütend, dass wir die Zeichen nicht schon früher gesehen haben, es gibt viele Gründe aus denen sich die Wut gegen uns selbst richtet. So verletzten wir uns nur noch mehr.


Deshalb ist es nicht nur wichtig, anderen Verständnis und Güte entgegenzubringen, sondern vor allem auch uns selbst.

Wir geben in jedem Moment unser Bestes und können Dinge erst besser machen, sobald wir es besser wissen. Deshalb quäle dich selbst nicht unaufhörlich mit Selbstvorwürfen, was du in der Vergangenheit alles hättest besser machen können.


Warum Verzeihen gesund ist


Jeder der schon einmal vergeben hat, kennt es vermutlich, dieses befreiende Gefühl, diese große Erleichterung, als wäre eine Last von einem abgefallen. Das ist nicht nur eine Erleichterung für die Seele, sondern auch für den Körper.


Verringerter Stress, besserer Schlaf und auch weniger Magenprobleme oder Rückenschmerzen können eine positive Nebenwirkung des Verzeihens sein.

Diesen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zu vergeben und physischer Gesundheit fanden Forscher aus Südkorea und den USA bei einer großangelegten Meta-Analyse heraus, bei der 128 Studien mit mehr als 58.000 Teilnehmern ausgewertet wurden.


Eine Studie der Harvard University von Katelyn Long und Team ergab darüber hinaus, dass Menschen, die vergeben können, häufig weniger Alkohol konsumieren, sich glücklicher fühlen und geringere Symptome von Depression aufweisen.

Vergebung ist sozusagen ein Geschenk an uns selbst, es ist Balsam für unsere Seele und den Körper.


Du bist auf der Suche nach Unterstützung?


Zu vergeben ist nicht immer einfach, wenn du dir auf diesem Weg Unterstützung holen möchtest, haben wir hier für dich eine Reihe von Mental Health Plattformen zusammengestellt. Diese bieten unter anderem psychologische Beratung und Unterstützung per Video-Telefonat oder Chat.

Außerdem findest du hier eine Übersicht, welche Psychotherapeuten in deiner Region Videosprechstunden anbieten.


Autorin: Claudia Brüggen

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